Annemirl Bauer – Zeitgeist in der Unsichtbarkeit

Annemirl Bauer gehört zu den vielen Künstlerinnen, die quasi in der Unsichtbarkeit ein spannendes Werk geschaffen haben. Ein Leben ohne Anerkennung, denn   erst 37 Jahre nach ihrem Tod bekommt Annamirl Bauer ihre erste Retrospektive mit 150 Arbeiten im Potsdamer Museum Das Minsk. 1939 in Jena geboren. ihre Jugend in Weimar verlebt, in Berlin – Weissensee Kunst studiert und 1989 in Berlin an Krebs verstorben. Ihr Oeuvre umfasst 16 000 Ölgemälde, Zeichnungen und Collagen.

Sie ist wißbegierig, kämpft ihr ganzes Leben gegen Mauern und Begrenzung, beweist ungebrochene Zivilcourage und stellt die patriarchalen Machtstrukturen der DDR  deutlich in Frage.

Die Ausstellung beginnt mit Mutter – Kind Themen, wobei ihre 1969 geborene Tochter Amrei häufig zu sehen ist. Neben Menschen aus der Umgebung ihrer Wohnung am Prenzlauer Berg, die auch gleichzeitig ihre Atelier war.

Kinder vom Prenzlauer Berg, aus den 1970er Jahren

Dabei erinnern diese Kinderbilder an die Gemälde von Paula Moderson-Becker, während die übergroßen Augen der Frauen an einen frühen Picasso denken lassen. Ohnehin war sie in ihren Anfängen stark von ihrer Mutter, der Malerin Tina Bauer-Pezellen und ihrer expressiv-figürlichen Malweise beeinflusst.

Seit 1976 lebte die alleinerziehende Mutter mit Ihrer Tochter Amrei im brandenburgischen Fläming und pendelte zum Berliner Atelier.

Eigentlich ist dieses großformatige Triptychon von 1980 eine Auftragsarbeit für den Magistrat von Ost- Berlin, wird auch zur X. Kunstausstellung der DDR 1987/88 eingereicht. Aber Titel und Sujet von „Der Himmel von Berlin ist unteilbar“ ist natürlich für die DDR untragbar. Das Werk verschwindet, wird weder ausgestellt noch abgebildet. Eine weitere Zurückweisung und Disziplinierung der unangepassten Künstlerin.

Der Himmel über Berlin ist unteilbar, 1980.

Es ist eine Arbeit voller Anspielungen auf die Situation in der DDR wie die an den Rand gedrängte Kirche, die Luftverschmutzung durch den Verkehr, die Natur mit einem See und Wiesen und gegenüber der Prenzlauer Berg mit ihrem Atelier in der Lychener Strasse, wobei Drachen die künstlerische Atmosphäre bedrohen. Es fehlt die Mauer, doch auf der Rückseite der Seitenflügel sieht man ein Paar, das getrennt wird, sobald man das Triptychon öffnet. Doch der Himmel bleibt doch die Form des Gemäldes immer sichtbar. Es muss ein Affront für DDR gewesen. Heute hängt das Bild als Dauerleihgabe im Deutschen Bundestag.

§ 99 Eingeschlossen (Bärbel Bohley) 1984

Annemirl Bauer kannte Bärbel Bohley, die Malerin und bekannte Bürgerrechtlerin. Beide träumten von einer besseren DDR. Dieses Bild zeigt sie nach ersten Inhaftierung 1984, denn der Paragraph 99 ermöglichte der DDR jeden Andersdenkenden zu verfolgen und zu inhaftieren. Bohley war ein aktiver Part in der friedlichen Revolution von 1989.

Alibifrau mit eingeschlossem Selbst. 1980er Jahre

Gerne nutzte Annemirl Bauer ungewöhnliche Malhintergründe, sei es ein Toilettensitz aus Holz oder die Stoffbespannung eines Liegestuhls, wo die Stuhlbeine den Rahmen bilden. Vordergründig ist eine starke souveräne Frau zu sehen, doch dahinter verbirgt sich eine weitere Frau, das Auge is zu sehen. Annemirl Bauer verarbeitete ihre eigenen Erfahrung, und hier dürfte sie ihre Situation als alleinerziehend und schwerhörig oftmals mit Erschöpfung wahr genommen haben.

Männliche Herrlichkeit Gottes, 1988

Auf einen Teppich gemalt, sitzt Bärbel Bohley  im Zentrum. Eingerahmt von einem Wimmelbild. Links weibliche Soldaten. dazwischen Männer mit erigieren Penissen. Unten ein Baby auf einem Schneidebrett.  Gegenüber bewaffnete Soldaten und über allem eine Frau, die aus der Scheide blutet. 1988 sollte ein Wehrpflichtgesetz für Frauen in Kraft treten. Die Opposition bringt  Bohley ins Gefängnis und Annemirl Bauer wird  aus dem Verband bildender Künstler ausgeschlossen. Heute hängt das Bild im Flur des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität.

 

die Regierung der DDR, 1980er Jahre

Ihre Weigerung, als IM zu arbeiten, lässt  zahllose Reiseanträge scheitern, hinzu kam der zeitweise Ausschluss aus dem Verband bildender Künstler, was auch Ausstellungen unmöglich machte. Erst 1987/88  konnte sie nach Paris reisen.

Als Collage erscheint ihr Gesicht in einem Zeitungssauschnitt.

Eine fröhliche Annemirl Bauer, die sich noch ein paar Locken dazu gemalt hat und wie eine Königin über ihrem Publikum schwebt.

Das Minsk auf dem Brauhausberg in Potsdam

Die Ausstellung „Annemirl Bauer – Bruch ist in der Welt“ ist bis zum 7.Februar 2027 im Potsdamer Das Minsk zu sehen. In der App gibt es einen Audioguide und ein Katalog ist im Berliner Distanz Verlag erschienen. www.dasminsk.de 

Annemirl Bauer starb im August 1989 an Krebs, sie hat den Mauerfall nicht mehr erlebt. Ihre Tochter Amrei kümmert sich um den Nachlass von 16000 Werken. Wer sich intensiver für die Künstlerin interessiert, ihr Wohnhaus/Atelier im brandenburgischen Fläming ist offen für Führungen. Das ehemalige Pfarrhaus liegt eine Stunde von Berlin entfernt. www.annemirlbauer.de   

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