Tomás Saraceno in collaboration – ökosoziale Gerechtigkeit im Haus der Kunst

In der imposanten Mittelhalle des Münchner Hauses der Kunst liegt ein riesiger Ballon, oftmals etwas schlaff am Boden. Kann aber gewaltig anwachsen , wenn jemand in die Fahrradpedale tritt. Kollektives Handeln ist beim  „Museo Areo Solar“ einer Solarskulptur aus gesammelten Plastiktüten gefragt. Jeden Tag kommen neue hinzu und werden von den Besuchern eingepasst.  Bis Ende Oktober ist das Museo Aero Solar installiert.

Museo Aero Solar – man muss kräftig in die Pedale treten, damit sich der Ballon aufbläst.

Mit dem Argentinier Tomás Saraceno hat der Direktor Andrea Lissoni einen perfekten Partner für seine erweiterte Museumsidee gefunden. In der Ausstellung zeigt der international gefragte Künstler den Menschen des Anthropozäns einen Weg aus dem Konsum und der Verschwendung in eine Ära des Areocene. In eine Welt, die auf fossile Brennstoffe verzichtet und  aerosolare Strukturen, getragen von Sonnenlicht und Luft,  die Fortbewegung ermöglichen. Aufsteigend mit der Wärme und getragen vom Wind.

Textilien von der indigenen Bewölkerung der Salinas Grandes hergestellt und daneben eine dreiteilige Fotoarbeit von Armin Linke. Mit dem Eisbach soll auf das Thema des Wassers betont werden.

Dann betritt man eine Wunderwelt und fühlt sich wie verzaubert.

Towards the Sanctuary of Water, 2026

Erst müssen sich die Augen an die tiefe Schwärze gewöhnen, denn allzu leicht könnte man ins Wasser treten. Diese spiegelnden Flächen soll an die Landschaft der Salinas Grandes erinnern, wo der sich der Himmel in den Oberfläche der Seen zu erkennen ist.  Dann wird der Blick von silbrig transparenten Kugeln angezogen, die mit der Beleuchtung Halos erzeugen. Sie sind mit Luft gefüllt und sollen den Lebensraum der Zukunft aufzeigen. Im Hintergrund seilen sich Spinnen von ihren Fäden ab, die fremdartige Geräusche stammen von ihren  Kauwerkzeuge, mit ihnen werden die filigranen Netze hergestellt. Dieses Projekt hat Tomas Saraceno gemeinsam mit den Indigenen entwickelt.

Flug mit Aerocene Pacha 2020. Copyright Studio Tomas Saraceno

2015 ins Leben gerufen, widmet sich Tomas Saraceno mit Areocene der Erforschung emissionsfreier Fortbewegung. Nur mit Sonnenenergie und Luft ist Leticia Noemi Marquès 2020 mit einer aerosolaren Skulptur über die Salzseen im Norden Argentiniens geflogen. Das ist nicht nur eine technische Leistung, sondern Areocene unterstützt auch im Kampf der Bewohner der Salinas Grandes , die sich gegen den Abbau des Lithiums im industriellen Massstab wehren.

Lithium ist ein zentraler Rohstoff für die Elektromobilität. Ein großer Teil des weltweit geförderten Lithiums stammt aus den hochgelegenen Salzseen Argentiniens, Boliviens und Chiles – indigene Territorien, die zu den trockensten Regionen der Erde gehören. Für die Gewinnung einer Tonne Lithium werden rund zwei Millionen Liter Wasser benötigt. 2024 produzierten deutsche Automobilhersteller rund 1,5 Millionen Elektrofahrzeuge. Dafür waren etwa 12.000 Tonnen Lithium erforderlich, mit einem Verbrauch von schätzungsweise 24 Milliarden Litern Wasser. . Die Zeichnung an der Wand zeigt an einheimischen Seen, wie lange das Wasser reichen würde, wenn Deutschlands jährliche Elektrofahrzeugproduktion diese Wasserressource nutzen würde.
In den salinas grandes. Foto Agostino Osio

Verwobene Welten heißt die aktuelle Ausstellung im Haus der Kunst, denn Tomás Sarasceno propagiert einen Dialog zwischen den Lebewesen. „Die Zukunft ist nichts, was wir erst erfinden müssen – sie ist bereits da,  eingewoben in die Landschaft wie ein Fluss, “ sagt Ailton Krenak, Philosoph und indigener Aktivist.

Algo-R(h)ythms, 2026.  Man hat die Welt der Spinnen nachgestellt. Mit dem Zupfen an den Fäden entstehen Töne, die für Menschen nicht hörbar sind und so wurden spezielle Vibrationen in den Fussboden eingebaut.  Bitte Schuhe ausziehen.

Die große Leidenschaft von Tomás Saraceno sind Spinnen und er ist ein anerkannter Fachmann für die vielbeinigen Geschöpfe. Fasziniert von ihrer Lebensweise, die Welt über Vibrationen wahrzunehmen und nur die Schwingungen im eigenen Netz lässt ein mögliches Opfer erahnen. So verlassen sie ihre Netze, wenn die Klimakrise zu viele Schadstoffe darin ablagern.

Spinnen sind Architekten ihres Netzes. Eine Spezies soll die heute weltberühmte Architektur des Münchner Olympiadaches stark beeinflusst haben.
Sounding the Air,. 2026 Spinnenseide, die sich in der Luft bewegt. Spinnen nutzen die Luftströmungen, um sich fortzubewegen. Eine Videokamera verfolgt die Bewegung in Echtzeit.

 

Dabei gehört die Angst vor Spinnen zu einem sehr alltäglichen Thema und so mancher Horrorfilm lebt von den langbeinigen Geschöpfen

Natürlich kommt bei  „Verwobene Welten“ auch die Außenwelt zu Ihren Wort. Auf der Terrasse steht eine bunte Skulptur mit vieleckigen Kammern, dort sind Strukturen eingebaut, wo Insekten eine Heimat finden können.

Cloud Cities: Species of Spaces and other Pieces, 2022-26. Lebensraum für viele Tiere.

Es geht nach draussen und alle Blicke richten sich auf eine bunte Skulptur mit kleinen achteckigen Kammern, dort sind Strukturen eingebaut, damit  sich Insekten verkriechen können.

Temporäre Heimat für Insekten

Die Ausstellung „Tomás Saraceno in Collaboration“ ist bis zum 7. Februar 2027 im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog. www.hausderkunst.de 

Particular Matters, 2020. Wie schon beim Titel zu sehen, werden durch einen Lichtstrahl winzige Staubpartikel sichtbar. Für das Auge unsichtbar ist sie allgegenwärtig, werden durch jeden Atemzug oder einer Bewegung in Schwingung versetzt.

 

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