In der Mittelhalle liegt ein riesiger Ballon, manchmal etwas schlaff am Boden aber kann ein gewaltiges Monument werden, wenn jemand in die Fahrradpedale tritt. Ein Ort des kollektiven Handelns ist das „Museo Areo Solar“, eine Solarskulptur aus gesammelten Plastiktüten. An jedem Ausstellungsort kommen neue hinzu und werden von Besuchern eingepasst. Mit dem Ende der Ausstellung könnte der Ballon in den Münchner Himmel aufsteigen und am Horizont verschwinden.

Eine spielerische Einleitung, um neue Wege in der Kunstvermittlung zu beschreiten und seit längerer Zeit entwickelt sich das Münchner Haus der Kunst zu einem Hotspot. Seien es 2022 die Nebelschwaden von Fuijko Nakaya, der Publikumsmagnet von Other Spaces oder 2024 die Lichtskulpturen von Philippe Parreno.

Mit Tomás Saraceno hat der Direktor Andrea Lissoni einen perfekten Partner gefunden. Der mittlerweile hoch gefragte Künstler möchte die Menschen vom Anthropozän mit seinem Konsum und Verschwendung in eine Ära des Areocene zu tragen. In eine Welt, die auf fossile Brennstoffe verzichten kann, wo aerosolare Strukturen, getragen durch Sonnenlicht und Luft, Bewegung ermöglichen. Aufsteigend mit der Wärme und getragen vom Wind.
.Dann beginnt das Spektakel, eine perfekte Kombination von Staunen, Erfahren und Lernen.

Dann geht es hinter dunkle Vorhänge und der Argentinier verzaubert mit seinen Installationen. 1973 im Norden des Landes geboren, besucht er nach dem Kunststudium die Frankfurter Städelschule unter Thomas Bayrle, geht Venedig zu Hans Ulrich Obrist und Olafur Eliasson, dessen Passion zu „Natur ins Museum bringen“ unverkennbar ist. Schon seit 20 Jahren beschäftigte sich Tomas Saraceno mit der dringlichen Veränderung der Lebensweise der westlichen Hemisphäre. Angelehnt an den brasilianischen Schriftsteller und indigenen Aktivisten Ailton Krenak und sein Gedanke von „Ancestral futures“ der den Erfahrungsschatz der Vorfahren für die Zukunft nutzt.

Erst müssen sich die Augen an die tiefe Schwärze gewöhnen und sich im Raum zurecht finden, denn allzu leicht könnte man im Wasser landen. Doch der Blick geht sofort zu den silbrig transparenten Kugeln, die durch die Beleuchtung Halos erzeugen. Sie sind mit Luft gefüllt, sollen sie den Lebensraum der Zukunft aufzeigen. Und dann sind im Hintergrund Spinnen zu sehen, die von ihren Fäden abseilen, dazu die hoch verstärkten Geräusche ihrer Kauwerkzeuge.

2015 ins Leben gerufen, widmet sich Tomas Saraceno mit Areocene der Erforschung emissionsfreier Fortbewegung. Nur mit Sonnenenergie und Luft ist Leticia Noemi Marquès 2020 mit einer aerosolaren Skulptur über die Salzseen im Norden Argentiniens geflogen. Das ist nicht nur eine technische Leistung. Areocene soll auch auf den Kampf der indigenen Menschen der Salinas Grandes hinweisen, ihre Heimat vor dem Raubbau des Lithiums im industriellen Massstab zu schütze.


Verwobene Welten heißt die aktuelle Ausstellung im Haus der Kunst, denn Tomas Sarasceno propagiert einen Dialog zwischen den Lebewesen. „Die Zukunft ist nichts, was wir erst erfinden müssen – sie ist bereits da, eingewoben in die Landschaft wie ein Fluss, “ sagt Ailton Krenak.

Tomas Saraceno liebt Spinnen und ist ein anerkannter Fachmann für die vielbeinigen Geschöpfe. Fasziniert von einer Lebensweise, die Welt über Vibrationen wahrzunehmen und die Schwingungen im eigenen Netz zu spüren .


Natürlich kommt bei dieser Ausstellung und ihrem Titel „Verwobene Fäden“ auch die Außenwelt zu Ihren Wort. Eine bunte Skulptur aus vieleckigen Kammern, die Gewitterwolken nachempfinden sollen. In diesen Kammern sind Strukturen eingebaut, wo sich Insekten verkriechen können.

Es geht nach draussen und eine bunte Skulptur aus kleinen achteckigen Kammern, die Gewitterwolken nachempfinden sollen. In diesen Kammern sind Strukturen eingebaut, wo sich Insekten verkriechen können.
Die Ausstellung „Tomás Saraceno in Collabortation“ ist bis zum 7. Februar 2027 im Münchner Haus der Kunst zu sehen. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog. www.hausderkunst.de
