Muzeum Susch – Frauenpower aus Italien

Mal wieder ein großes Ausrufezeichen für das Muzeum Susch, das einer kompromisslosen Künstlerin für Frauenrechte den Weg in die Öffentlichkeit ebnet. Das Titelbild heißt „Femicid“ und zeigt eine zerrissene und wieder zusammengenähte Hose.

Dieses ehemalige Kloster ist ein Treffpunkt für Entdeckungen der zeitgenössischen Kunst. Etwas versteckt im Unterengadin und spezialisiert auf Künstlerinnen, oftmals aus dem osteuropäischen Raum, die übersehen oder künstlerisch verkannt sind. Es ist der Verdienst der polnischen Unternehmerin Grazyna Kulczyk aus Posen, die mit ihrem 2019 eröffneten Museum  wenig Bekanntem eine professionelle Plattform bietet. .

Foto aus dem Katalog, erschienen im Verlag Hatje Gantz

Nun diesmal ist es Mariuccia Secol aus der Lombardei mit ihrer ersten großen Retrospektive und man schaut auf ein Schaffen von 70 Jahren, das mit jedem Raum überrascht.

Poster zur Ausstellung, an der schweren Holztür zum Bistro.

97 Jahre alt musste die Italienerin aus der Nähe von Varese werden, damit ihr vielfältiges Werk an die Öffentlichkeit dringt. Dabei war sie keineswegs eine stille Künstlerin, sondern schon in den 1960er Jahren eine vehemente Vertreterin des Feminismus, bestimme schon damals ihre Kritik an gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungen den Inhalt ihrer Arbeiten.

Holocaust  1959.. Encaustik auf Leinen.

Eigentlich soll sie die Buchhaltung der väterlichen Firma übernehmen, doch sie trifft  den kunstsinnigen Alberto Tognola, heiratet ihn mit 19 Jahren und bringt vier Kinder zur Welt. Ihr Haus in Daverio wird zu einem Zentrum für Maler und Schriftsteller darunter Namen wie Renato Guttuso oder Leonardo Sciascia. In den 50er und 60er Jahren entstehen dunkeltonige Gemälde, geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Großen Einfluss auf ihre künstlerische Entwicklung hat ihre Tätigkeit als Lehrerin im Malatelier des psychiatrischen Krankenhaus in Varese, denn sie sieht, dass Kreativität ein Weg zur Selbstbestimmung und Heilung sein kann.

Ohne Titel, aus der Serie Il Genesis, 1968

Es kommen die Protestjahre der 1968er und Mariuucia Secol verlässt die Malerei. Ganz im Sinne des erstarkten Feminismus ist nun die Verweigerung das tragende Sujet von Secol. Weg mit den Pinseln, nun bestimmen Stoffe ihre Arbeit, darunter Schürzen und Metallschwämme. Es entsteht die Serie „Doll’s House“, dabei wird die meist eigene Kleidung zerstört und neu zusammengenäht. Darunter auch einstige Hochzeitskleid, als radikale Ablehnung der traditionellen Rollenzuweisung.

Doll’s House, 1975
Das Hochzeitskleid von Mariuccia Secol

1974 gründet sie die feministische Gruppe Immagine, die sich vehement für die Rechte der Frauen einsetzt und ein Höhepunkt ist die Einladung zur Biennale von Venedig 1978. Mariuccia fühlt sich immer mehr bestärkt auf ihrem künstlerischen Weg, nun werden den Stoffen die Fäden entzogen das krasse Gegenteil zur typisch weiblichen Tätigkeit des Webens. Der Titel der Ausstellung -Unraveling- Entwirren steht für das Freisetzen neuer Energien und der Befreiung vom Patriarchat. Die zahllosen Leerstellen lassen das Licht durchtreten, eine Möglichkeit für die Entstehung großer Kreativität.

Die Eichenfrau, 1986 Metallunterbau, Konstruktion, Byssus mit Stopfarbeiten.  In der Ecke Barrieren, 1980. In Dreiecksform als uraltes Symbol für die Frau.
Silhouetten (Silhouettes), ca. 1978
Die Mutter ist ausgegangen, 1980. Silhouetten gehäkelt mit Baumwoll- und Seidengarnen

In den 1980er Jahren gilt ihre ganze Aufmerksamkeit zahlreicher Materialien.

ein ganzer Raum ist diesen wundersamen Objekten gewidmet und zeigt die Wandlungsfähigkeit der Künstlerin.
Woman bridge, . 1989. Zwei Frauen liegen sich gegenüber, gut 10 Meter ist diese Skulptur lang.

Zur letzten künstlerischen  Phase gehört Ogive, mehr als 40 Tempera-Gemälde umrahmen eine Skulptur und die Assoziation zu einer Vulva dürfte nicht weit hergeholt sein.

Mariuccia Secol entdeckt die Malerei wieder und es entdeckt die raumfüllende Installation „Ogive“
Nahaufnahme!

Viele ihrer Arbeiten im Muzeum Susch sind öffentlich noch nie oder sehr selten gezeigt worden. Sehr lesenswert ist der schöne Katalog, erschienen im Hatje Gantz Verlag Stuttgart.

Noch immer arbeitet Mariuccia Secol in ihrem Atelier in Daverio. Sie wird von ihren Kindern betreut.

Die Ausstellung im Museum Susch ist noch bis zum 1.November 2026 zu sehen.

Das Muzeum in Suschmim September 2026

 

 

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