Carl Cheng zu Gast im Museum Tinguely – das hätte Jean Tinguely sicherlich gefallen, denn beide, der Schweizer und der Amerikaner, haben eine Leidenschaft für Bewegung.

Carl Cheng verweigert sich jeder Einordnung. 1942 in San Francisco als Sohn chinesischer Eltern geboren, beginnt er in der 1960er Jahren seine künstlerische Laufbahn. Inmitten der politischer Unruhen, einer nach dem Krieg prosperierenden Luftfahrtindustrie und in einer Landschaft, die rasch verändert.

Auf dem langen Gang zur Ausstellung wird der Besucher von der Stimme Carl Chengs empfangen: Nature is everything, Nature always wins, Nature never loses. Schon in den 1960er Jahren nimmt er die Veränderung und den Missbrauch der Umwelt wahr und wird in Diskussion zur fortschreitenden Technologie gesetzt.

Das Museum Tinguely zeigt 60 Jahre künstlerisches Schaffen von Carl Cheng. Geprägt durch die Essener Folkwang Schule (1964 – 65) und ihrer von Bauhaus stark beeinflussten Vermittlung von Kunst und Gewerbe und der intellektuelle Souveränität von Marcel Duchamp und seinem Alter Ego Rrose Sélavy.
Schon bei den ersten Exponaten stutzt der Betrachter und glaubt an Luftaufnahmen einer ländlichen Gegend mit Feldern und Wiesen, doch es sind Platinen und Nieten auf einer Alu-Platte aufgebracht, Abfall einer Chipfirma.

Ein kurzfristiger Job als Modellbauer bei den Designern Charles und Ray Eames geben ihm das technische Rüstzeug und 1966 gründet seine Firma John Doe Company. Eigentlich sind es steuerliche Erwägungen und die leichtere Beschaffung von industriellen Material, doch es gibt Cheng auch die Möglichkeit, das Kommerzdenken seiner Kollegen in Frage zu stellen. Der Ausgrenzung als Künstler asiatischer Herkunft begegnet er mit dem Namen seiner Firma, denn amerikanischer geht es nicht.

Faszinierend sind seine „Naturmaschinen“. Die drohenden Umweltprobleme vorahnend, können seine Objekte Witterungseinflüsse nachempfinden, als Warnsysteme arbeiten oder ??

In diesen Turm aus Kunststoff ist ein Radio eingebaut, das ständig Wetternachrichten für den Ort sendet. wo es aufgestellt ist. Projektoren zeigen Bilder von Umweltschäden wie Müllhalden oder auslaufendes Erdöl. Der Holzsockel ist von Weizenähren eingerahmt. Es ist seine erste mechanisierte Skulptur und durch seine praktischen Kenntnisse kann er alles ohne fremde Hilfe machen.

Wie ein roter Faden zieht der Gedanke der Vergänglichkeit durch sein Werk. Dazu gehören auch die „Erosion Machines“. Dabei wird Wasser unaufhörlich auf einen Steinkegel gesprüht. Es sind menschengemachte Steine, denn sie enthalten Abfälle aus technologischer Produktion.
In den frühen 1970er Jahren unternimmt Cheng viele Reisen nach Asien, die sein Denken stark stark beeinflussen. Er kritisiert die Museen als „abgeschlossene Einheiten“ und favorisiert die Kunst im öffentlichen Raum. Hinzu kommt seine Sammelleidenschaft.

Nach dem Ende der Herrschaft von Mao 1979 kann Carl Cheng in die Heimat seiner Eltern reisen. Es entstehen die Scroll Series, die Landschaft wird zu Kunst. Es ist ein Ausschnitt, wie durch den Sucher einer Kamera gesehen.

Mit den 1980er Jahren rückt die Vergänglichkeit wieder in den Fokus, es ist die Zeit der „Art Tools“ und seiner Vorliebe für den öffentlichen Raum. Im letzten Saal der Ausstellung steht das „Santa Monica Art Tool“ , eine gewaltige Betonwalze. Sie wird über Sand gezogen und hinterlässt eine Miniaturstadt, die Cheng “ Walk on LA“ nennt. Der feine Sand ist sehr leicht zu zerstören, der Besucher soll auf die Fragilität seiner Umwelt bewußt werden.


Schon 1979 als Prototyp entwickelt, wird das Art Tool: Rake ständig verbessert, um den superfeinen Sand zu formen. Mit Ende der Ausstellung bleibt nur mehr ein Berg Sand, den wegschaufeln muss.

Es ist eine hoch interessante Ausstellung, die allerdings Zeit verlangt. Eine ausführliche Broschüre gibt viel Einblick in den Werdegang und Ideen von Carl Cheng. Natürlich gibt es auch einen umfangreichen Katalog zum gesamten Schaffen des Künstlers.
Noch bis zum 10.Mai ist Carl Cheng – Nature never loses im Museum Tinguely Basel zu sehen. www.tinguely.ch