In Hamburg gibt es spannende Kunst auf kurzer Distanz. Als Mittelpunkt könnte man den Hauptbahnhof nehmen, in Richtung Außenalster liegt die Hamburger Kunsthalle und quasi entgegen gesetzt warten die Deichtorhallen. 15 Minuten Fussweg und achten Sie auf die Kampfradler!
Die Libanesin Huguette Caland leidet unter dem Schicksal vieler Künstlerinnen, erst im hohen Alter und noch vielmehr nach dem Tod 2019 zu einem Namen in der internationalen Kunstszene zu werden, als Pionierin der sexuellen Befreiung gefeiert und ist notabene heute in vielen Museen vertreten. Nun zeigen die Deichtorhallen ihre erste Retrospektive in Deutschland und es ist wahrhaft ein perfekter erster Aufschlag.

Es warten 300 Werke, eingeteilt in 10 Kapitel, und da zuckt so mancher und stellt sich auf einen „hardcore“ Museumsbesuch ein. Aber nein, die frischen Farben in feinen Nuancen, die originellen und charmanten Sujets, die unbekümmerte Annäherung an das Sexuelle und den Körper. Also hinein, es lohnt sich!

Huguette Caland hat sich ein Dasein als Malerin hart erkämpft. 1914 in Beirut geboren, als Tochter des ersten libanesischen Präsidenten, damals noch unter französischem Protektorat, ist ihr Leben in der christlichen Oberschicht eigentlich vorgezeichnet. 1921 heiratet sie den Franzosen Pierre Caland und das Paar bekommt 3 Kinder. Obwohl sie schon viele Stunden in ihrem Malstudio auf dem Familiensitz verbringt, entscheidet sie nach dem Tod des Vaters, nur noch Malerin zu sein. 1970 geht sie ohne Mann und Kinder nach Paris, 1989 nach Kalifornien und kehrt 2013 nach Beirut zurück, um 6 Jahre später in ihrer Heimat zu sterben.

Huguette Caland gilt als erste arabische Malerin, die das weibliche Begehren auf die Leinwand bannt und dabei benutzt ausschließlich ihren eigenen Körper, der in allen Facetten dargestellt wird. Weit entfernt von Model -Maßen, wird das ganze Bild von dem Sujet ausgefüllt. Ihre unbekümmerte Art, angesichts omnipräsenter Körper im Photoshop poliert, kann nur begeistern.

Ihre Kaftane sind eine Provokation in der arabischen Welt. In den 1970er Jahren beauftragte Caland den libanesischen Schneider Mohammad Atar mit der Bestickung von Kaftane, die Muster stammen von ihren Gemälden. Dieser Auftrag dürfte ihm sicherlich sehr peinlich gewesen sein

„A life in few lines“ ist das Thema der Ausstellung und das Motto der Kosmopolitin, die fließend arabisch, französisch und englisch spricht. Die Linie“ Einfangen und wieder loslassen“ für sie der Lebensinhalt. Ende der 1970er Jahre entsteht „Cobra“ ein eigenes Alphabet aus Linien, Punkten, Kurven, und gewundenen Formen. Gedanken an die arabische Kalligraphie.

Mit einer Reise ins französische Limousin wird mit „Epaces blancs “ ein neues Kapitel aufgeschlagen. „Landschaften seien wie Körper“ meint Huguette Caland.. Auch später, in den 1980er Jahren greift sie ihren Gedanken wieder auf und es entstehen zauberhafte Gemälde wie Venice.

Es ist auch ein Weg zu ihren großformatigen teppichähnlichen Werken, eine Erinnerung an ihr Elternhaus, wo die Wände, nach Landessitte, mit Teppiche verkleidet waren. Die Leinwände werden in der Waschmaschine eingefärbt und dann mit Details versehen, wie auch Kreuzstich, eine Reminiszenz an die Stickarbeiten ihrer Mutter.

Immer war Huguette Caland ein politischer Mensch, kein Wunder bei dieser Familie, doch selbst bei sehr ernsten Themen wie die unsägliche Situation ihrer Heimat im Bürgerkrieg von 1975-1990 oder die nie endende Problematik zwischen Christen und Muslims zeigen die Werke immer noch duftige Farben, sieht man die Grausamkeit wie bei „Guerre incivile“ oder die Tragik des fast schon verspielten Gemälde „Tarek el Sham“, das die Teilung der Konfessionen zeigt.


Dann sollte man einen Abstecher ins Restaurant Berliner Bahnhof machen, drinnen und draußen wartet eine interessante Karte.

Die Ausstellung Huguette Caland – a Life in a few Lines“ ist bis zum 26.April zu sehen. Zur Information gibt es einen Audioguide, einen schönen Katalog aus dem Distanz Verlag und hörenswerte Podcasts. www.deichtorhallen.de