Das Perfekte bestimmt unseren Alltag. Kein Wunder, dass die Kunst einen Kontrapunkt setzen möchte und dem Fehlerhaften zu einem Podium verhilft. Neuestes Kind ist “ Die Schönheit des Unvollkommenen“ im Münchner DG Kunstraum Diskurs Gegenwart.

Nirgendwo lässt Zerbrechlichkeit und mögliche Reparatur besser zeigen als bei Porzellan. Da gehören Aussagen wie “ Elefant im Porzellanladen“ oder „viel Porzellan zerschlagen“ als Synonym für Missgeschick und Unfrieden. Birgit Dieker zerbricht die Tassen, um sie als künstlerische Form neu zu komponieren.

Die Tassen von Birgit Dieker machen den Titel der Ausstellung sehr verständlich, während die Arbeit von Paul Diestel etwas Reflexion verlangt. Der Besucher steht hier der Eingangstür unmittelbar vor einer hölzernen Skulptur, sie zeigt den leeren Fruchtbecher einer Eichel, der auf einer Basaltstein balanciert. Eine Anspielung an Beuys mit seinen 7000 Eichen anlässlich der Documenta 7, 1982.

An den abstrakten Expressionismus erinnert das Werk „Tusche“ von Toni Mauersberg und die Künstlerin lässt ihrer Inspiration freien Lauf, die Farbe inspiriert zu einem Spiel von Zufall und ein wenig Kontrolle. „Das Bild ist fertig, wenn es einen anschaut“, ist der Kommentar der Künstlerin

Schräg gegenüber dieser plakativen Arbeit hängt etwas ganz Subtiles. Die Zeichnung „Stone Orchid“ von Valerie Schneider zeigt schwarze Steinorchideen. Ein großer Gegensatz zu den üblichen Orchideen in ihrer Farbenpracht. Sie scheinen sich in ihrer Umgebung aufzulösen, verströmen ihren Duft nur in der Nacht und können sich nur mit Hilfe nachtaktiver Motten vermehren.

auf dem Weg in die obere Etage wartet „Gumhole“, eine fotografische Dokumentation eines Gehwegs an der 51st Street Washington Park in Chicago. Jonas Müller-Ahlheim lebt seit 2021 in Chicago und zeigt die missglückten Versuche, mit dem Kaugummi in das Loch des Gehwegs zu zielen.

Eine Ausstellung, die in ihrer überschaubaren Größe zum intensiven Hinschauen animiert und das „Unperfekte“ in einem neuen Licht zu sehen. Seit wenigen Jahren lässt sich diese Abkehr vom Zwang der Optimierung erkennen.
Da sorgte „Glitch“ in der Münchner Pinakothek der Moderne 2024 für ein großes Interesse, damals entdeckten viele Besucher das Neuland der Fehler mit einem Fokus auf Fotografie. Noch bis zum Wochenende ist in der Frankfurter Kunststiftung der DZ Bank „Bitte stolpern“ zu sehen, ein Ausflug ins Straucheln. Auch bei „Helen Frankenthaler moves Jenny Brosinski, Ina Gerken, Adrian Schiess“ im Wiesbadener Reinhard Ernst Museum überlässt man der Farbe ihren freien Lauf und akzeptiert das Ergebnis.
Die Ausstellung „Die Schönheit des Unvollkommenen“ schließt mit einer Finisage am 26. März. www.dg-kunstraum.de