Kühl war es an diesem Dienstagabend, aber ein Eis vom Linggplatz musste noch sein vor “Der Prozess”.

Die Stiftsruine sind die Reste der ehemaligen Abtei Bad Hersfeld. In der größten romanischen Kirchenruine nördlich der Alpen werden seit 1951 die Bad Hersfelder Festspiele aufgeführt. 1968 wurden die Bühne und der Zuschauerraum überdacht, der Entwurf stammt von dem Architekten Frei Otto, der auch an dem legendären Zeltdach für die Olympischen Spiele in München 1972 beteiligt war.

Festspiele 2019 in Bad Hersfeld

Es ist ein grandioser Spielort, denn die imposante Größe des ehemaligem Kirchenchors nimmt auch dem beklemmenden Schauspiel “Der Prozeß” etwas von der einschüchternden Wirkung. Aber der Bühnenarchitektur gelingt es, inmitten des gewaltigen Raums eine Ausweglosigkeit zu schaffen.

Stiftsruine im Festspielkleid

Kaum ein Werk wurde so oft interpretiert wie dieser Roman von Franz Kafka. Nichts hat der Stoff von seiner Aktualität verloren, noch betont mit der Festrede von Deniz Yücel, der viele Monate ohne Grund in einem türkischen Gefängnis verbringen musste. Mich erinnerte die Inszenierung und in manchen Teilen auch die Wahl der Schauspieler an den Film von Orson Welles (1962) mit Anthony Perkins als Josef K. und Jeanne Moreau als seine Geliebte Felice Bürstner.

Ronny Miersch als Josef K. und Maria Radomski als Aufseherin. Foto  BHF/K.LEFEBVRE

In Bad Hersfeld spielen Ronny Miersch einen Josef K, der als erfolgreicher Investment Banker arbeitet, seine Freundin ist Corinna Pohlmann als Sängerin in einem Nachtclub und hinreißend warmherzig wird die Haushälterin Frau Grubach alias Marianne Sägebrecht dargestellt.

Günter Alt als Onkel Albert, Ronny Giersch als Josef K. und Nicole Sydow als Cousine Erna. Foto BHF/K.LEFEBVRE

Am Rande zum Klamauk agiert Dieter Laser in roten Schlafanzug als Advokat Huld, aber gibt zunächst dem drohenden Unheil etwas Heiteres und liefert letztendlich das Bild eines “Winkeladvokaten”.

Lou Zöllkau als Lena und Dieter Laser als Advokat Huld. Foto BHF/K.LEFEBVRE

Wunderbar gelungen ist die Bühnenarchitektur von Jens Kilian mit einen engen Glaskasten, dazu eine Kulisse aus zahllosen Türen, die an Aktenschränke erinnern und sich oftmals nicht öffnen lassen. Dazu ein Video mit einer Moderatorin und ihren Anweisungen des Gerichts für Josef K. In den stilleren Momenten hört das Rauschen der Blätter vor den romanischen Fensterbögen des Chores. Unbedingt hingehen!

Romanische Fensterbögen der Stiftsruine

Die Festspiele in Bad Hersfeld dauern bis zum 1. September www.bad-hersfelder-festpiele.de    

Das Programm 2019

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden